Inhouse-Security-Party (ISP)

Seit vielen Jahren wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Selbsthilfekompetenz der Bevölkerung dringend gesteigert werden muss (siehe z. B. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2005, Schutzkommission 2011). Konkrete Vorschläge, wie eine „Verbesserung“ der Selbsthilfekompetenz bewirkt werden soll und wie bzw. durch welche Maßnahmen sie sich tatsächlich steigern lässt, gibt es jedoch kaum. In der bislang verfügbaren Fachliteratur finden sich fast ausschließlich Allgemeinplätze, in denen lediglich ein „Mehr“ an Ausbildung gewünscht wird. Viele didaktische, methodische und bildungsorganisatorische Fragen sind bislang nicht nur unbeantwortet geblieben: Sie wurden noch nicht einmal gestellt (vgl. Karutz 2011a).

Einerseits wurden pädagogische Aspekte dabei von den Akteuren im Rettungswesen außer acht gelassen. Andererseits war aber auch in der Erziehungswissenschaft offenbar lange Zeit kaum Interesse vorhanden, um sich Notfallgeschehen aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive anzunehmen. Es wird sogar konstatiert, das deutsche Erziehungs- und Bildungswesen habe einen auf Notfälle bezogenen „blinden Fleck“ (vgl. Karutz 2004). In der Tat ist die Gesamtsituation unbefriedigend. Vor diesem Hintergrund wird nachfolgend ein Pilotprojekt vorgestellt, dass zukünftig einen wertvollen Beitrag zur Förderung der Selbsthilfekompetenz leisten könnte: Die erziehungs- bzw. sozialwissenschaftlich begründete Konzeption einer „Inhouse-Security-Party“ (ISP).

Dabei liegt der Gedanke zugrunde, dass historisch gewachsene Kursformate (wie z. B. Erste-Hilfe-Lehrgänge, Lehrgänge für „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ usw.) in der bisherigen Form möglicherweise nicht mehr zeitgemäß sind und auch nicht bzw. zumindest nicht mehr den gewünschten Effekt erzielen können. Die Indikation, hinsichtlich der konkreten Unterrichtsgestaltung wesentliche Veränderungen vorzunehmen, ist jedenfalls offensichtlich (ausführlich siehe Karutz 2011b).

Zweifellos muss „Breitenausbildung“ aber nicht nur vor dem Hintergrund aktueller methodisch-didaktischer Ansätze, sondern auch im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen betrachtet werden. Darüber hinaus sind motivationspsychologische, systemtheoretische und ökonomische Überlegungen sowie nicht zuletzt die laufende Diskussion zur Resilienzförderung einzubeziehen.

Im Rahmen der Konzeption einer Inhouse-Security-Party soll dies geschehen. Im Internationalen Vergleich können Bezüge zu ähnlichen Ansätzen festgestellt werden, etwa zum Konzept der „Community Emergency Response Teams“ (CERT) in den USA. In der deutschsprachigen Literatur kann u. a. auf theoretische Vorüberlegungen zu einem „bürgerkonzeptionierten Zivil- und Katastrophenschutz“ zurückgegriffen werden (Dombrowsky 1992). Einzelne Parallelen sind ferner zu pflegewissenschaftlich begründeten „präventiven Hausbesuchen“ festzustellen (Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung 2008).

Bei der Entwicklung der Inhouse-Security-Party wird zunächst einmal auf Erkenntnisse zurück gegriffen, die sich verschiedene Unternehmen im Rahmen ihrer Marketingstrategien längst zu Eigen gemacht haben (vgl. „Tupperparty®“, „Schmuckparty“ – aber auch Reanimations- und Notfalltrainings, die die pharmazeutische Industrie in Arztpraxen veranstaltet): Gelegentlich ist ein aufsuchender, nachgehender Kundenkontakt Ziel führender als ein Geschäftsmodell, bei dem der „Kunde“ ausschließlich zum „Verkäufer“ kommen muss. Eine gewünschte Handlungsbereitschaft wird erhöht, wenn einerseits eine positive Grundstimmung erzeugt und andererseits Partizipation an den Handlungszielen ermöglicht wird. Auch sind soziale Verstärker einzubeziehen. Und: Lernprozesse werden begünstigt, wenn sie über eine allgemeine Zielgruppenorientierung hinaus noch stärker individualisiert bzw. flexibilisiert stattfinden können. Vor diesem Hintergrund soll es sich bei der Inhouse-Security-Party um ein emotional möglichst positiv besetztes Ereignis mit „Eventcharakter“ handeln, das notfallbezogenes Lehren und Lernen in einer sehr persönlich gestalteten Atmosphäre möglich macht.

Eine Facharbeitsgruppe entwickelt dafür zunächst ein geeignetes Erhebungsinstrument, das die Voraussetzung für die inhaltliche Planung einer Inhouse-Security-Party darstellt. Hierbei handelt es sich weder um einen bloßen Abfragekatalog zur Anamneseerhebung, noch um eine Art „Bestellzettel“. Anzustreben ist vielmehr eine höchst personalisierte Risiko- und Ressourcenanalyse, mit der Vertrauen aufgebaut und die weitere Vorgehensweise geplant werden soll. In einer anschließenden Testphase werden verschiedene Inhouse-Security-Partys angeboten, durchgeführt und evaluiert.

Literatur

  1. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) (Hg.) (2005) Problemstudie: Risiken in Deutschland. Gefahrenpotentiale und Gefahrenprävention für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aus Sicht des Bevölkerungsschutzes. Bad Neuenahr-Ahrweiler: Eigenverlag.
  2. Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (Hg.) (2008) Präventive Hausbesuche bei Senioren. Projekt mobil – der Abschlussbericht. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft.
  3. Dombrowsky W R (1992) Bürgerkonzeptionierter Zivil- und Katastrophenschutz. Zivilschutzforschung: Schriftenreihe der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern, Band 10. Bonn: Bundesamt für Zivilschutz.
  4. Karutz H (2004) Notfallpädagogik: Viel mehr als nur Methodik. In: Rettungsdienst 27, S. 846-850.
  5. Karutz H (2011a) Einführung. In: Karutz H (Hg.) Notfallpädagogik. Konzepte und Ideen. Edewecht: Stumpf & Kossendey, S. 11-22.
  6. Karutz H (2011b) Theorie. In: Karutz H (Hg.) Notfallpädagogik. Konzepte und Ideen. Edewecht: Stumpf & Kossendey, S. 23-58.
  7. Schriftenreihe der Schutzkommission (Hg.) (2011) 4. Gefahrenbericht der Schutzkommis-sion beim Bundesinnenminister des Innern. Bonn: Eigenverlag.