Evaluation der PSNV in Großschadenslagen am Beispiel des Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen2009

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) von Überlebenden, Angehörigen, Hinterbliebenen, Vermissenden sowie Einsatzkräften und weiteren von schweren Not- und Unglücksfällen Betroffenen gehört in Deutschland seit vielen Jahren zum Versorgungsstandard. Sowohl nach Individualnotfällen als auch bei Großschadenslagen hat die PSNV im Gesamtsystem der Gefahrenabwehr mittlerweile einen festen Platz. Nationale Not- und Unglücksfälle sowie Katastrophen wie das Flugschauunglück in Ramstein 1988, das ICE-Unglück in Eschede 1998, die Flutkatastrophe längs der Elbe 2002, die Flugzeugkollision in Überlingen am Bodensee 2002, der Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall 2006, der Transrapidunfall im Emsland 2006, der Stadtarchiveinsturz in Köln 2009 oder die School Shootings von Erfurt 2002, Emsdetten 2006 und Winnenden/Wendlingen 2009 haben eindrucksvoll bewiesen, dass die Erweiterung der medizinischen und technischen Hilfeleistungen um psychosoziale Versorgungsangebote unerlässlich ist.

Vielfach wurden PSNV-Einsätze, die im Rahmen der aufgeführten Großschadenslagen stattgefunden haben, bereits von den beteiligten Organisationen und Personen ausgewertet oder beschrieben. Vorrangiges Ziel hierbei war es, die geleistete Arbeit vorzustellen und die eigenen Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit verfügbar zu machen. Gleichzeitig wurden erste Überprüfungen der Arbeit vorgenommen, um Vorteile der eigenen Vorgehensweisen zu benennen und ggf. Verbesserungspotentiale aufzudecken. Auf der Suche nach dem sog. „Best Practice“ konnten dadurch viele Erfahrungswerte gewonnen werden, die für die Weiterentwicklung von PSNVKonzepten, -Maßnahmen und -Strukturen zweifellos hilfreich waren. Allerdings sind die einzelnen Auswertungen teilweise recht unterschiedlich und nicht immer miteinander vergleichbar. Je nach Organisation, Einsatz und beteiligten Personen wurden die zugrunde gelegten Kriterien individuell gestaltet. Das hat zur Folge, dass PSNV-Einsätze in bisherigen Auswertungen und Evaluationen teilweise aus sehr unterschiedlichen Blickrichtungen betrachtet wurden. Teilweise stehen die Maßnahmen der psychosozialen Akuthilfe für Betroffene im Vordergrund. Manchmal liegt der Fokus auf der mittel- und langfristigen Versorgung für Einsatzkräfte. Mitunter werden vor allem die PSNVStrukturen am Einsatzort dargestellt usw. Mit dieser Heterogenität geht zwar ein breites Spektrum einzelner Themenfelder einher, aber gleichzeitig sind die Vergleichbarkeit der Ergebnisse untereinander sowie die Übertragbarkeit auf andere (zukünftige) Einsatzsituationen schwierig. Zudem ist je nach Umfang der Auswertungen auch nicht immer eine vollständige Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse gegeben, da den teilweise eingesetzten subjektiven Erhebungsmethoden (bspw. Erfahrungsberichten etc.) eine systematische Grundlage fehlt.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass für die Auswertung von PSNV-Einsätzen in Großschadenslagen v. a. einheitliche Grundlagen notwendig sind, um vergleichbare, übertragbare und transparente Ergebnisse zu erhalten, die dann als Basis für die fachlich fundierte Weiterentwicklung der PSNV dienen können. Dafür bedarf es der Erarbeitung eines Kriterienkatalogs, der wesentliche Aspekte von PSNV-Einsätzen abbildet und überprüfbar macht. Aufgehen sollte solch ein Katalog in einem Praxisleitfaden, der Hinweise zur Durchführung von Evaluationen bzw. systematischen Auswertungen gibt und der über Organisationsgrenzen hinweg Verwendung finden kann.

Vor diesem Hintergrund plant das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) die Entwicklung eines solchen Kriterienkatalogs und eines daraus abgeleiteten praktischen Auswertungsleitfadens für die Evaluation bzw. systematische Auswertung von PSNV-Einsätzen in Großschadenslagen. Beides soll den Ländern, Kommunen und Organisationen der Gefahrenabwehr zur Verfügung gestellt werden. Sie können damit nach Großschadenslagen systematische und vergleichbare Resultate gewinnen, die der Fortentwicklung der PSNV in den eigenen Zuständigkeitsbereichen dienen. Auch können damit – wenn gewünscht – die Ergebnisse über die Landes- und Organisationsgrenzen hinweg verglichen werden. Dadurch lassen sich langfristig Erkenntnisse, die die Qualität der PSNV in Deutschland sichern und verbessern können.

Im Rahmen eines Pilotprojektes soll der PSNV-Einsatz nach dem School Shooting in Winnenden/Wendlingen ausgewertet werden. Gerade dieses Notfallgeschehen zeichnet sich durch seine Vielschichtigkeit aus. Eine große Anzahl an Betroffenen – Überlebende, Angehörige, Hinterbliebene und Zeugen, aber auch Einsatzkräfte – wurde und wird auch weiterhin durch psychosoziale Betreuungsangebote unterstützt. Das bedeutet, dass die Beteiligung vieler verschiedener Organisationen und Institutionen notwendig war und ist, um den hohen PSNV-Bedarf zu decken, der sich von der psychosozialen Akuthilfe über die mittel- bis langfristige psychosoziale Nachsorge erstreckt (vgl. Expertenkreis Amok Baden-Württemberg 2009).

Die Betrachtung und Evaluation dieser komplexen Struktur, vor allem in der Akutphase im Bezug auf Alarmierung, Einsatzorganisation, Absprachen zwischen den Organisationen u.v.m. aber auch an den Schnittstellen zur mittel- und langfristigen Betreuung, können Erkenntnisse hervorbringen, die zur Verbesserung der lokalen und regionalen organisationsübergreifenden Zusammenarbeit im Einsatz und zur systematischen Vernetzung in der psychosozialen Versorgungsstruktur beitragen.

Literatur

  1. AK II und AK V der Innenministerkonferenz (2004): Projektbericht – Opferbetreuung und Nachsorge im Zusammenhang mit Amoklagen. Unveröffentlichter Bericht.
  2. Beerlage, I. / Hering, T. / Nörenberg, L. (2006a): Entwicklung von Standards und Empfehlungen für ein Netzwerk zur bundesweiten Strukturierung und Organisation psychosozialer Notfallversorgung. In: Schriftreihe der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern. Hrsg.: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe im Auftrag des BMI. Neue Folge Band 57, Bonn.
  3. Beerlage, I. / Hering, T. / Springer, S. / Arndt D. / Nörenberg, L. (2006b): Entwicklung von Rahmenplänen zur Umsetzung von Leitlinien und Standards zur Sicherstellung, Vernetzung und strukturellen Einbindung Psychosozialer Notfallversorgung für Einsatzkräfte der polizeilichen und nicht polizeilichen Gefahrenabwehr. Forschungsprojekt im Auftrag des Bundesministeriums des Innern. Endbericht. Internetressource: www.psychosoziale-notfallversorgung.de (Stand: April 2010).
  4. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2009) (Hrsg.): (Verfasserinnen: Blank, V / Helmerichs, J.): Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien (Teil 1). In: Praxis im Bevölkerungsschutz, Bd. 3. Bonn.
  5. DeGEval – Gesellschaft für Evaluation e. V. (2008) (Hrsg.): (Redaktion: Beywl, W / Frey, A): Standards für Evaluation. 4. unveränderte Auflage. Mainz.
  6. Expertenkreis Amok Baden-Württemberg (2009): Gemeinsam handeln, Risiken erkennen und minimieren. Prävention, Intervention, Opferhilfe, Medien. Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen am 11. März 2009. Internetressource: http://www.baden-wuerttemberg.de/fm7/2028/BERICHT_Expertenkreis_Amok_25-09-09.pdf (Stand: April 2010).
  7. Haubrich, K. / Holthusen, B. / Struhkamp, G. (2005): Evaluation – einige Sortierungen zu einem schillernden Begriff. In: DJI Bulletin 72 PLUS. 1-4.
  8. Hüls, E. / Oestern, H.-J. (1999): Die ICE-Katastrophe von Eschede. Erfahrungen und Lehren – eine interdisziplinäre Analyse. Berlin, Heidelberg, New York: Springer.
  9. Jatzko, H. / Jatzko, S. / Seidlitz, H. (2001): Katastrophen-Nachsorge: Am Beispiel der Aufarbeitung der Flugkatastrophe von Ramstein 1988. 2. überarbeitete Auflage. Edewecht: Stumpf + Kossendey.
  10. Karutz H. (2004): Psychische Erste Hilfe bei unverletzt-betroffenen Kindern in Notfallsituationen. Münster: LIT.
  11. Karutz, H. (2009): Notfälle in Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge. Edewecht: Stumpf + Kossendey.
  12. Kehr, J. / Fritsche, A. (2005): Evaluation des Einsatzabschnittes „Traumaberatung und Kon-taktherstellung zu Therapieplätzen und sonstigen Beratungsangeboten im Rahmen des NOAH-Einsatzes ‚Seebeben Südostasien’“. 05.01.–31.03.2005. Unveröffentlicher Bericht, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bonn.
  13. Koordinierungsstelle Einsatznachsorge (Hrsg.) (2002): Einsatznachsorge nach dem ICE-Unglück in Eschede. Dokumentation – Modelle – Konsequenzen. Hannover: DRK.
  14. Scriven, M. (1991): Evaluation Thesaurus. 4. Aufl. Newbury Park: Sage Publications.
  15. Teichmann, U. / Franke, K. (2004): Langfristige psychosoziale Nachsorge der von der Hochwasserkatastrophe Betroffenen im Landkreis Sächsische Schweiz – Erfahrungen. Vortrag gehalten anlässlich des 15. Kongress für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung. Berlin 5.-9. März.
  16. Wilms, A. (2005): Erfahrungsbericht psychologisches Nachsorgeprojekt Gutenberg-Gymnasium und Folgekonzeption SKEM. Erfurt: Eigenverlag Unfallkasse Thüringen.