Psychische Erste Hilfe bei Wohnungsbränden (PEH-B)

Dass Menschen, die ein schweres Unglück miterleben, starken Belastungen ausgesetzt sind und sie sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, ist längst bekannt und keine neue Erkenntnis mehr. Unstrittig ist mittlerweile auch, dass nicht nur die fachliche Qualität der Hilfeleistung, sondern auch ein psychologisch angemessener Umgang mit Betroffenen für die spätere Verarbeitung des Geschehens von Bedeutung ist (vgl. Lasogga und Gasch 2004, Lasogga und Frommberger 2004, Hausmann 2010).

Bewältigungsprozesse lassen sich durch einfache Maßnahmen Psychischer Erster Hilfe günstig beeinflussen, und der Entwicklung mittel- und langfristig anhaltender Belastungsfolgen kann auf diese Weise zumindest entgegen gewirkt werden. In den nationalen Leitlinien zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) wird Psychische Erste Hilfe dementsprechend sogar als „Versorgungsstandard“ bezeichnet (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2011).

Umgekehrt verursacht ein ungünstiger Umgang mit den Betroffenen allerdings auch erhebliche Zusatzbelastungen, u. U. sogar mit sekundär traumatisierender Wirkung. Das Verhalten von Einsatzkräften gegenüber Notfallbetroffenen wird in diesem Zusammenhang als „situative Variable“ beschrieben, die das Erleben der Notfallsituation – je nach Ausprägung – sowohl positiv als auch negativ beeinflussen kann (Lasogga und Gasch 2006).

In den vergangenen Jahren wurden bereits verschiedene empirische Untersuchungen zu dieser Thematik durchgeführt (vgl. Hobfoll et al. 2007); konkrete Leitlinien für die Psychische Erste Hilfe nach Unfällen haben Anfang der 1990-er Jahre insbesondere LASOGGA und GASCH an der Universität Dortmund entwickelt. Unter anderem sind inzwischen zwei Regelwerke verfügbar – eines mit einfachen Merksätzen für medizinische Laien bzw. Ersthelfer und ein weiteres für professionelle Rettungskräfte (Lasogga und Gasch 2006).

Ergänzend wurden Hinweise zur Psychischen Ersten Hilfe bei Patienten mit akutem Herzinfarkt (Gasch und Lasogga 1999), für die Opfer von Wohnungseinbrüchen (Hermanutz und Lasogga 1998) sowie beim Überbringen von Todesnachrichten (Lasogga 2001) vorgestellt. Auch die besondere psychische Situation von Kindern in Notfällen war bereits Gegenstand verschiedener Studien, hier liegen z. B. Handlungsanweisungen für verletzte und akut erkrankte Kinder (Karutz 2001), für Kinder als Zuschauer und Augenzeugen eines Unglücks (Karutz 2004) sowie für Kinder nach einem schweren Schulbusunfall (Karutz 2012) vor.

Spezifische Belastungsfaktoren, Bedarfe und Bedürfnisse der Betroffenen von Wohnungsbränden sind bislang jedoch weitgehend unerforscht. Die wenigen, zudem veralteten Publikationen, in denen psychologische bzw. sozialwissenschaftliche Aspekte von Gebäudebränden thematisiert wurden, fokussieren eher auf die Optimierung von Evakuierungsmaßnahmen sowie auf die Reduzierung des (materiellen) Schadensausmaßes (vgl. Dommel und Schuh 1984, Bodamer, Schuh und Dombrowsky 1987). Zur Psychischen Ersten Hilfe bei Wohnungsbränden sind in der verfügbaren Literatur allenfalls indirekt verwertbare Hinweise zu finden.

Wie Betroffenen gegenüber reagiert wird, hängt insofern offenbar vom individuellen „Bauchgefühl“ der jeweiligen Einsatzkräfte ab und ist gelegentlich auch mit einigen Unsicherheiten verbunden: Was man sagen soll und was nicht, was man tun soll und was nicht ist in vielerlei Hinsicht letztlich unklar. Der Umgang mit psychisch stark belasteten Betroffenen wird von vielen Einsatzkräften daher als besonders schwierig empfunden, und das subjektive Kompetenzgefühl im Hinblick auf den psychologisch angemessenen Umgang mit Betroffenen ist offenbar eher gering. Nicht selten führt dies sogar zur (zwar nachvollziehbaren, aber für die Hilfeleistung in psychologischer Hinsicht suboptimalen) Anwendung geeigneter Vermeidungsstrategien (Pajonk et al. 2004).

Zu berücksichtigen ist ferner, dass psychologische Aspekte des Feuerwehreinsatzes bei Wohnungsbränden – wenn überhaupt – auch nur in einem eher geringen Umfang Ausbildungsbestandteil sind. Umso sinnvoller und notwendiger scheint es daher, möglichst einfache, rasch umsetzbare und insbesondere konkrete Hinweise zu erarbeiten, die den Umgang mit Betroffenen an der Einsatzstelle mit einiger Wahrscheinlichkeit erleichtern und zu einer weiteren Optimierung der Hilfeleistung bei Brandeinsätzen beitragen könnten.

Hier setzt das geplante Projekt an: Im Rahmen einer geplanten Studie sollen Menschen, die Brände in ihrer Wohnung miterlebt haben, anhand eines strukturierten Interviewleitfadens zu ihren spezifischen Erfahrungen befragt werden. Davon ausgehend sollen empirisch begründete Empfehlungen gegeben werden können, um diesem Personenkreis effektiv wirksame Psychische Erste Hilfe leisten zu können.

Das Forschungsprojekt läuft seit 01.06.2012; Projektleiter ist Prof. Dr. phil. Harald Karutz.

Literatur

  1. Bodamer M, Schuh H, Dombrowsky W R (1987) Verhalten von Menschen bei Gebäudebränden. Forschungsbericht Nr. 60. Arbeitsgemeinschaft der Innenministerien der Bundesländer: Eigenverlag.
  2. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2011) Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien, Teil I und II, Bonn: Eigenverlag.
  3. Dommel N A, Schuh H (1984) Verhalten von Menschen bei Bränden. Eine Pilotstudie zur Bestimmung von situativen Determinanten menschlichen Verhaltens und Handlungsabläufen bei Bränden. Unveröff. Studie im Auftrag des Landesfeuerwehrverbandes Nordrhein-Westfalen.
  4. Hausmann C (2010) Handbuch Notfallpsychologie und Traumabewältigung. 3. Aufl., Wien: Fakultas.
  5. Hobfoll, S E, Watson, P, Bell, C, Bryant, R A, Brymer, M J, Friedman, M J, Friedman M, Gersons B P R, de Jong J, Layne C M, Maguen S, Neria Y, Norwood A E, Pynoos R S, Reissman D, Ruzek J I, Solomon A Y Z, Steinberg A M, Ursano R J (2007) Five essential elements of immediate and mid–term mass trauma intervention: empirical evidence. In: Psychiatry 70 (4), 283–315.
  6. Karutz H (2001) Psychische Erste Hilfe bei verletzten und akut erkrankten Kindern in Notfallsituationen. Unveröff. Diplomarbeit Universität Duisburg.
  7. Karutz H (2004) Psychische Erste Hilfe bei unverletzt-betroffenen Kindern in Notfallsituationen. Münster. LIT.
  8. Karutz H (2012) Psychosoziale Akuthilfe nach einem schweren Schulbusunglück: Ergebnisse einer Befragung von 23 Betroffenen (in Vorb.).
  9. Lasogga F, Frommberger U (2004) Psychische Situation und Reaktionen von Notfallpatienten. In: Bengel J (Hg.) Psychologie in Notfallmedizin und Rettungsdienst. 2. Aufl., Berlin: Springer.
  10. Lasogga F, Gasch, B (2004) Notfallpsychologie. Edewecht: Stumpf & Kossendey.
  11. Lasogga F, Gasch B (2006) Psychische Erste Hilfe bei Unfällen. Kompensation eines Defizits. Edewecht: Stumpf & Kossendey.
  12. Pajonk FG, Gärtner U, Sittinger H, v. Knobelsdorff G, Andresen B, Moecke Hp (2004). Psychiatrische Notfälle aus der Sicht von Rettungsdienstmitarbeitern. Notfall & Rettungsmedizin 7: 161-167.